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Torsten Ehms

Hallo…


Mein Name ist Torsten Ehms. Ich erblickte am 29.Oktober 1972 in der durch das VEB Büromaschinenwerk Robotron dominierten Stadt Sömmerda das Licht der Welt. Meine Eltern arbeiteten sehr viel. Mein Vater als Entwicklungsingenieur für Robotertechnik im Büromaschienenwerk und meine Mutter als Lohnbuchhalterin im VEB Möbelkombinat Kölleda und später als Sekretärin der Volkshochschule Sömmerda.
Erwähnen muss ich hier, dass mein Vater einen sehr autoritären Erziehungsstil bevorzugte, der auch schnell zu gewalttätigen Strafen führte. Gürtel, Teppichklopfer, Kleiderbügel waren mir doch sehr vertraut. Im Gegensatz zu meinem Vater war meine Mutter eher die sich Zurückhaltende.
Daher wohl mein Hang, Konflikten offen gegenüber zu treten.
1979 wurde ich in die Pestalozzi-Oberschule Sömmerda eingeschult. Im Laufe meiner Schulzeit begann ich vor allem durch den Geschichtsunterricht, später durch Staatsbürgerkunde Fragen zu stellen, da mir der Unterricht in diesen Fächern zu einseitig erschien. Mir erschien das Bild des sogenannten Klassenfeindes einfach mit zu viel roter Farbe gemalt. Dadurch, und durch meine innere Weigerung gegen den Russischunterricht, dafür aber guter Leistung in Englisch geriet ich sehr schnell in den Blickwinkel der Schulleitung. Während einer kollektiven Aussprache im Beisein sämtlicher „Würdenträger“ wie dem Patenbrigadier und FDJ-Sekretär sollte ich Stellung zu meinen Noten in Russisch und Englisch nehmen.


„Mit meinem Freund kann ich mich IMMER unterhalten, meinen Feind muss ich verstehen können.“


war darauf mein Statement. Nichts ahnend, das genau dies mein Verhängnis wurde. Nach einigen weiteren Vorfällen, die, so wie ich heute weiß, provoziert wurden, wurden die Räder des Regimes offen gelegt und es kam nach nicht allzu langer Zeit zum Einweisungsbeschluss durch die DDR-Jugendhilfe in den Jugendwerkhof „August Bebel“ Burg. Dieser wurde am 08.10.1987 vollzogen.
Einziges Glück im Unglück war, dass ich im Jugendwerkhof in ein Projekt integriert wurde, in dem Insassen einen Jugendwerkhofes versuchsweiße zu Ausbaumaurer-Facharbeitern ausgebildet werden sollten. Üblich war in Jugendwerkhöfen nur eine Ausbildung zum Teilfacharbeiter. Der Besuch der Schule, um z.B. einen 10. Klasse Schulabschluss zu erreichen, war vollkommen ausgeschlossen.

Im Verlauf der Zeit eckte ich trotz der Versuche, mich zu einem vollwertigen Mitglied der Sozialistischen Gemeinschaft umzuerziehen, immer wieder mit meiner Einstellung an. Allein, da täglich die „Aktuelle Kamera“ geschaut und im Anschluss zusammen mit dem „Neuen Deutschland“ ausgewertet wurde, gab mir des Öfteren Anlass, systemkritiche Fragen zu stellen, bzw. das gesagte/geschriebene in Frage zu stellen… Dies brachte mir selbstredend Repressalien ein, die teils als Strafe durch Erzieher bis hin zu Einzelarrest, aber auch durch die allseits bekannte Selbsterziehung der Jugendlichen spätestens nach 22.00 Uhr ohne Erzieher auf der Raucherinsel vollstreckt werden sollte. Diese erzieherischen Maßnahmen waren den Erziehern nicht nur bekannt, sondern auch gewünscht. Mehrfach haben mir andere Jugendliche berichtet, das diese „nächtlichen Erziehungsmaßnahmen“ durch Erzieher von bestimmten Jugendlichen gewünscht und gefordert wurde.

Zum Glück für mich fielen diese abendlichen, meist körperlichen Auseinandersetzungen eher glimpflich aus, da ich mich schon als Kind sehr sportlich (Boxen, Ringen, Radsport und Schwimmen) betätigt habe und mich daher gegenüber größeren und älteren behaupten konnte.
 

Auch habe ich die „Wendezeit“ im Jugendwerkhof durchleben dürfen. Plötzlich gab es keine „Aktuelle Kamera“ mehr, die geschaut werden musste. Keiner bekam Urlaub, um Eltern oder Verwandte zu besuchen. Einzig, da unsere Lehrbrigade durch das Hochbaukombinat Burg ausgebildet wurde, kamen wir 6 aus unserer Gruppe in den Genuss, täglich in der Stadt Burg zu arbeiten und kamen somit an Informationen, was draußen vorging. Da der Dezember 89 und damit die Weihnachtszeit nicht mehr weit waren, mussten Maßnahmen wie Urlaubs– und Ausgangssperren schnell wieder
außer Kraft gesetzt werden. Nach dem Weihnachtsurlaub und Jahreswechsel kam gut die Hälft der Jugendlichen nicht zurück. Viele haben die Chance, das erste Mal zum Urlaub nicht mit einem Urlaubsschein, sondern mit dem Personalausweis ausgestattet worden zu sein zur „Flucht“ in die
BRD genutzt. Auch ich hatte dies bezügliche Überlegungen angestellt, wollte jedoch die die 2 1/2 Jahre Facharbeiterausbildung nicht umsonst gemacht haben. So fuhr ich wieder zurück in eine ungewisse Zukunft
Angekommen bin ich in einem völlig neu strukturierten und mit neuen Zielen versehenem Jugendheim. Zwar gab es nach wie vor die Nachtruhe um 22.00 Uhr, jedoch konnte man seine Freizeit im Gro alleine planen, wurde nicht mehr durch verschlossene Türen oder Zäune aufgehalten. Auch wurden keine der sonst so strengen Erziehungsmaßnahmen mehr durchgeführt. Täglich gewohnte Prozedere wie Stuben– und Revierreinigen mit anschließender Kontrolle und Benotung gab es ebenso nicht mehr.

 

Im August 1990 beendete ich meine Ausbildung erfolgreich mit einem Facharbeiterbrief und wurde nach Hause entlassen. Ruhelos und voller Tatendrang tingelte ich fortwährend durch Deutschland. Ich arbeitete als Maurer, Kraftfahrer im internationalen Fernverkehr, bei der Bundeswehr. Auch war ich bereits verheiratet. Aus der Ehe sind 2 meiner 4 Kinder hervor gegangen. Mit meinem Hobby Fotografie verbinde ich die Freiheit, Ruhe in der Natur genießen zu können, aber auch die Möglichkeit der künstlerischen Gestaltung.

Am 31.12.2015 habe ich die Liebe meines Lebens, die Kraft an meiner Seite geheiratet. Meine Frau ist ebenfalls ein ehemaliges Heimkind der DDR. Sie war wie ich im Jugendwerkhof Burg. Wahrscheinlich ergänzen wir uns durch das gemeinsam erlebte, da wir die Denkweißen des anderen in vielen Situationen nicht nur verstehen, sondern nachvollziehen können. Gemeinsam leben und erleben wir mit meiner jüngsten, jetzt 11 jährigen Tochter die Höhen und Tiefen eines glücklichen Familienlebens, wie wir es in unserer Kindheit nicht kennen lernen durften.

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