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Nicole Ehms

Hallo…

 

Ich bin Nicole Ehms, 1971 in Erfurt geboren und lebe nach über 30 Jahren auch wieder in meiner Heimatstadt. Nur vier Straßen entfernt von meiner Kindheit.

Meine Kindheit bekam sehr früh einen Bruch.  Als ich zwei Jahre alt war, zerbrach die Ehe meiner Eltern.

Kurz darauf kam mein Stiefvater in unser Leben, wie auch 1975 mein Halbbruder. 

 

Als ich 12 Jahre war, erfuhr ich, dass mein „Papa“ gar nicht mein Papa, sondern mein Stiefvater ist. Er erfuhr von meinem Wissen und obwohl ich ihm sagte, ich hätte ihn lieb, begann danch die Tortur. Er ließ mich Hass erleben, unerwünscht sein…

Seelischer und körperlicher Missbrauch in Form von Prügel, Essenentzug,  stundenlanger Durst, aber auch stundenlanges Stehen vor geöffnetem Fenster, auch im Winter, waren an der Tagesordnung. Die gesundheitlichen Folgen trage ich heute noch. Das Ganze ging einher mit Schlafentzug, da mir dies alles nur nachts widerfahren ist, wenn meine Mutter arbeitete. Sehr oft musste ich mir Sätze wie „Leg dich auf die Bahnschienen und warte, bis der Zug kommt“ anhören.

 

Ob meine Mutter etwas davon mitbekommen hat? Diese Frage stelle ich mir noch heute.

 

Irgendwann begann ich, von zu Hause wegzulaufen. Dies jedoch brachte die Polizei auf den Plan. Im Februar 1987 brachte man mich dann nicht mehr nach Hause, sondern direkt in das Kinderheim Holzdorf bei Weimar.  Ich habe nie ein Jugendamt von innen gesehen oder wurde gefragt, warum ich immer wieder von zu Hause weggelaufen bin. Auch aus dem Kinderheim bin ich immer wieder weggelaufen. Nach Hause. Ich wollte verstehen. Wissen. 

 

Von meiner Mutter bekam ich nur gesagt; „Ich werde den Kontakt zu dir abbrechen.“

Durch die vielen Entweichungen aus dem Kinderheim wurde ich als schwer erziehbar eingestuft und im Dezember 1987 in den Jugendwerkhof Burg eingewiesen. 

 

Körperliche Züchtigungen durch andere Jugendliche, seelische Grausamkeiten und Dauerarrest waren an der Tagesordnung. Auch hier konnte mich keiner halten. Immer wieder lief ich weg. Dadurch stand ich direkt vor der Einweisung in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Eine letzte Flucht, eine Familie, die mich sechs Monate lang versteckte und dadurch vor der Einweisung nach Torgau rettete, waren meine letzte Hoffnung. Diesen Menschen, deren Sohn ebenfalls in einem Jugendwerkhof war, bin ich bis heute dankbar für den Mut, den sie aufgebracht haben.

 

Im September 1989 wurde ich nach Hause entlassen. Doch diese Tür war für mich zu. Bis heute.

 

Ich lebte auf der Straße. Der erste Zug nach Nirgendwo brachte mich nach dem Mauerfall nach Frankfurt/Main. Als gebrochene Seele ohne Selbstbewusstsein lebte ich eher am Rand der Gesellschaft. 

 

1990 fand ich meinen leiblichen Vater, der mir mit seiner Frau noch vier Halbgeschwister präsentierte. Endlich hatte ich eine Familie. 

 

Leider verstarb meine Stiefmutter 1998 sehr früh. Mein Papa folgte ihr 2004. Wieder brach für mich die Welt zusammen. Psychisch ein Frack schaffte ich es 2008, mir Hilfe zu holen. Von 2008 bis 2016 folgten Therapien, Reha-Programme, und eine Umschulung zur Industriekauffrau Im Jugendwerkhof wurde ich zur

Teilfschuhfacharbeiterin ausgebildet.

 

2015 traf ich bei einem „Treffen ehemaliger Heimkinder“ meinen Ehemann, der zur selben Zeit wie ich im Jugendwerkhof Burg war. Durch das gemeinsam Erlebte habe ich in ihm einem Menschen an meiner Seite gefunden, der ohne viele Worte Verständnis für die Eigenheiten hat, die mein Leben mir mitgegeben hat.

 

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