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...muss ich verzeihen?

Volkmar Jenig

 

...muss ich verzeihen?

 

Der Titel sagt schon alles, „...muss ich verzeihen?“ denen die durch ihr handeln meine Kindheit und Jugend zerstört haben. Ich weiß keine Antwort, vielleicht kann ich eine geben wenn ich mir alles von der Seele geschrieben habe, was ich in den Jahren zwischen 1960 bis 1970 in den staatlichen Zwangsumerziehungseinrichtungen der DDR erleben musste, mir angetan worden ist. Wie kann man es erklären, dass nach so vielen Jahren ich mich noch sehr genau an viele Einzelheiten erinnern kann. Nicht das ich erst nachdenken muss, nein! Sie sind einfach da als wenn es erst gestern gewesen wäre. Ebenso werde ich jetzt nicht sagen können, werde ich in der Lage sein, alles das was ich erlebte, niederschreiben zu können, hängen doch viele Emotionen daran denen man sich erst stellen muss. Doch möchte man seine Vergangenheit aufarbeiten. Endlich abschließen. Kann man das überhaupt? Man spricht zwar über seine Vergangenheit, in Bruchstücken. Um frei Reden zu können über seine Vergangenheit fehlt oftmals der nötigen Mut. Man betrachte es wie man will, für einen mag es Mut, für andere Überwindung sein. Letzteres trifft auf mich zu, daher die vielen und langen Pausen die erforderlich waren um diese Zeilen zu schreiben. Immer wieder kam es dabei zu unfreiwilligen Pausen, da die Emotionen bei bestimmten Lebensabschnitten auch heute, nach so vielen Jahren immer noch deutlich im Kopf vorhanden sind und nur darauf warten das man sie wieder aktiviert. Leider hat diese Art von Aktivierung auch ihre Nachteile, das sind die Pausen. Lange Zeit habe ich in den staatlichen Einrichtungen zubringen müssen, jedoch nie freiwillig. Es gab Menschen die es freiwillig taten, da es ihn in Heimen und Jugendwerkhöfen und mögen sie noch so schlimm gewesen sein, immer noch besser erging wie im Elternhaus. Ich gehöre nicht dazu. Auch wenn die „Götter in Weiß“ der Meinung waren. „Das Kind muss in ein Kinderheim, die Mutter ist nicht in der Lage das Kind zu erziehen.“ Der Jugendhilfe kam das Urteil der „Götter in Weiß“ recht und wurde wohlwollend aufgenommen. Die Jugendhilfe war nicht nur der Meinung zu meiner Person, sondern der gleichen Meinung auch bei meinen Geschwistern. Mit dem Urteil der „Götter in Weiß“ begann das Mysterium der Zwangsumerziehung der Jugendhilfe. Geprägt durch den Aufenthalt im Normalkinderheim, verschiedenen Spezialkinderheimen und einem Jugendwerkhof. Das Mysterium dauerte vom 24.02.1962 bis zum 28.02.1970 an. Acht Jahre in denen ich nicht nur gedemütigt, geschlagen, misshandelt und missbraucht worden bin, sondern sie prägten mich. Prägten mich als Mensch, wenn auch nicht im Sinne der Jugendhilfe der DDR, sie öffneten mir die Augen. Jeden Tag, den ich in diesen Erziehungseinrichtungen verbringen musste, habe ich das System besser verstanden und mich dagegen gewehrt. Heute als 63jähriger, 47 Jahre nach dem Versuch der Zwangsumerziehung, muss ich feststellen, dass die Gesellschaft aus der Vergangenheit nichts gelernt hat. Warum geschieht dann heute gleiches Leid? Heut ist es nicht die Jugendhilfe / Heimerziehung, sondern teilweise private, öffentliche und kirchliche Einrichtungen und Träger. Lernt man nicht aus der Vergangenheit. Wohl eher nicht! Die Schreie von 1962 kann man auch 2017 hören.

 

Volkmar Jenig

 

 

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